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Die Schule sollten „Treibhäuser der Zukunft“ sein und keine „Wissensfabriken“

Die Schule sollten „Treibhäuser der Zukunft“ sein und keine „Wissensfabriken“
Leserbrief zum Leitartikel „Unterbewertet" vom 15. September 2009 in der Badischen Zeitung.
Von Rainer Schoenfeld, Opfingen

Die Schule ist keine „Schraubenfabrik“, natürlich nicht, schreibt Andreas Böhme in seinem BZ -Leitartikel vom 15.9., um sich gleich darauf selbst zu widersprechen: sie ist, bitteschön, doch im „wirtschaftlichen Kontext“ zu betrachten. Von Natur aus, von ihrem Auftrag her gesehen, ist Schule keine „komplexe Wissensfabrik“, jeglicher Vergleich mit einem börsennotierten Unternehmen ist fehl am Platze. Schule im besten Sinne sollte ein komplexer Lern- und Lebensraum sein, in dem jeder Schüler und jede Schülerin seine/ihre individuellen Fähigkeiten entdecken und weiterentwickeln kann. In diesen „Treibhäusern der Zukunft“ (R. Kahl) muss gut begossen und gedüngt (motiviert) werden, aber nicht ständig gestutzt und umgetopft (bewertet und getestet) werden. Das „interaktive und dialogische Beziehungsgeschehen“ (Bauer, Lob der Schule) in der Schule unter vornehmlich ökonomischen Gesichtspunkten zu betrachten bedeutet, den Druck auf Lehrkräfte und Schülerschaft zu erhöhen, mit den bekannten Folgen, die z.B. eine falsch verstandene Verkürzung der gymnasialen Schulzeit von 9 auf 8 Jahre hervorgebracht hat.

Es ist heute Mode geworden, „jeden Lebensbereich in der Sprache des Marktes zu beschreiben. Evolutionsbiologen erklären das Tierreich nach den Regeln des Risikokapitals. Weibchen ‚investieren’ in Männchen, getrieben vom Streben nach dem genetischen Maximum“ (R.D. Precht in der ZEIT vom 10.9.). Und Journalisten vergleichen Schulen mit einer Produktionsstätte für Bildung, die höchst effizient, d.h. mit möglichst geringem Input (Personal, Ressourcen) ein Maximum an Output (gut entwickelte und erzogenen Kinder und Jugendliche) hervorbringt.

Natürlich ist das nicht so gemeint, weder vom Kultusministerium noch von Herrn Böhme, aber seine Sprache ist verräterisch. Er erwähnt nicht nur die 800 krisensicheren Lehrerjobs, und nährt dadurch die Neiddebatte, ohne die hohe Ausfallquote in der Lehrerschaft zu erwähnen (etwa 1/3 erreicht die Pensionsgrenze nicht), sondern beklagt auch, dass die „einfache betriebswirtschaftliche Regel von einem der Nachfrage angepassten (Lehrer-)Angebot abgeschafft“ worden ist, dass nämlich trotz sinkender Schülerzahlen alle Stellen im Schulsystem verbleiben. Das sind aber längst notwendige Verbesserungen im Lehrer-Schüler-Verhältnis auf dem Weg zu „Treibhäusern der Zukunft“. Angesichts des etwa 25prozentigen Anteils bildungsschwacher Jugendlicher im Alter von 15 Jahren, vorwiegend mit Migrationshintergrund, sind weitere Maßnahmen dringend erforderlich. Wie vergleichsweise gering der Wert von Bildung in Deutschland erachtet wird, zeigt ein Ergebnis der letzten OECD – Bildungsstudie: zwischen 1995 und 2006 hat Deutschland seine Ausgaben für Bildung im Verhältnis zu seiner Wirtschaftskraft von 5,1 auf 4,8 Prozent verringert. Nur vier von dreißig Ländern ist ihre Zukunft noch weniger wert. In der Tat, nicht nur die Schule, das Bildungssystem insgesamt ist unterbewertet.

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