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leserbrief des seminars „forschungswerkstatt inklusion“ an der pädagogischen hochschule, freiburg

GEMEINSAMER UNTERRICHT FÜR SCHÜLER MIT UND OHNE HANDICAP
Die Abweichung von der Norm darf nicht mehr dazu führen, dass man am Rande der Gesellschaft steht

Zu: „Inklusion in der Schule – Integration als Überforderung“, Beitrag von Wulf Rüskamp (Badische Zeitung, Politik, 2. November):

Dass Schüler nur in möglichst homogenen Lerngruppen gut lernen können und der Leistungsgesellschaft gewachsen seien, ist ein Mythos, der spätestens von der Pisa-Studie widerlegt wurde. Empirische (Schul-)Forschungsergebnisse haben gezeigt: Integration/Inklusion macht schlau. Darunter versteht man, dass schwächere Schüler im inklusiven Unterricht mehr lernen und stärkere nicht weniger, sondern im Gegenteil sogar in ihrer sozialen Kompetenz gestärkt werden. Daher denken wir, dass inklusiver Unterricht sehr wohl Sinn macht und alle Schüler davon profitieren. Inklusion bedeutet nicht, unüberlegt alle in eine Klasse zu setzen und einen Lehrer davorzustellen. Und Unterricht bedeutet schon lange nicht mehr die frontale Vermittlung von Wissen. Die heutige Pädagogik weiß sich auf Heterogenität aller Art einzustellen und diese als Ressource zu nutzen.
Wollen wir an einem Regelschulsystem, „in dem ungeschmälert die Gesetze der Leistungsgesellschaft gelten“, festhalten? Wollen wir es weiter dulden, dass Kinder kategorisiert werden nach dem Grad ihrer Leistungsfähigkeit und damit unterschiedliche Wertschätzung erfahren? Warum wollen wir unbedingt unsere Kinder dieser Leistungsgesellschaft unterwerfen, sie in diese Norm pressen? Wieso denken wir nicht einfach anders herum? Wieso passen wir nicht den Leistungsbegriff unseren Kindern an und definieren Leistung neu und umfassender?

Jeder Einzelne sollte die Chance bekommen, seine Fähigkeiten so gut wie möglich zu entfalten. Vielfalt muss endlich als Bereicherung gesehen werden; „Andersartigkeit“ im Sinne der Abweichung von einer Norm darf nicht mehr dazu führen, dass man am Rande der Gesellschaft steht. In einer inklusiven Schule werden alle Kinder als gleichwertig und gleichzeitig als unterschiedlich wahrgenommen, und diese Unterschiedlichkeiten werden wertgeschätzt. Inklusionspädagogik ist sicher ein Ideal, eine Zukunftsperspektive, was uns nicht hindern sollte, uns auf den Weg zu machen.
Die Schulen müssen sich ändern, das Konzept von Schule muss neu definiert werden. Dass der klassische Frontalunterricht ins Museum gestellt werden kann, sollte klar sein. Es geht darum, Konzepte zu entwickeln, wie die Heterogenität der Lerngruppe didaktisch sinnvoll genutzt werden kann. Dies kostet viel Geld, aber die Reformpraxis in anderen Ländern und in anderen Bundesländern zeigt, wie Inklusionspädagogik erfolgreich umgesetzt werden kann – und welche „Baustellen“ dabei bearbeitet werden müssen. Grundlage ist sicher, dass die Lehrkräfte ausgebildet werden, einen differenzierten Unterricht zu gestalten, durch welchen alle Lernenden gefördert und gefordert werden.

Teilnehmer des Seminars „Forschungswerkstatt Inklusion“ an der
Pädagogischen Hochschule, Freiburg
Redaktion: Prof Holzbrecher

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