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allianz der deutschen nichtregierungsorganisationen zur un-behindertenrechtskonvention

Die „Allianz der deutschen Nichtregierungsorganisationen zur Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention" hat einen Bericht vorgelegt.

Hier der Auschnitt zur schulischen Bildung in Deutschland:

Inklusive Schulbildung (Artikel 24)
 
37. Von inklusiver schulischer Bildung ist Deutschland weit entfernt. Die Schulgesetze sehen zwar das gemeinsame Lernen von SchülerInnen mit und ohne Behinderung[1] als Möglichkeit vor, sie ist in der Praxis jedoch die Ausnahme: Nur 29 Prozent der SchülerInnen mit Behinderung besuchten 2010 eine Regelschule. In den Bundesländern reichen die Integrationsquoten von 6 bis 40 Prozent[2], wobei der Großteil auf die Primarstufe entfällt. Extrem ungleich ist die Integration im Sekundarbereich: Während die Hauptschulen mit 39 Prozent die Hauptlast „schulterten“, hielten sich Gymnasien mit nur 5 Prozent nahezu heraus aus der Integration[3].
 
38. Die übergroße Mehrheit, konkret 380 000 SchülerInnen mit Behinderung, besuchten 2010 in Deutschland eine Förderschule. In einigen Bundesländern dürfen SchülerInnen auch gegen den Elternwillen dieser Schulform zugewiesen werden.[4] Der Bundesbildungsbericht 2010 verweist darauf, dass unter den EU-Staaten Deutschland den höchsten Anteil an SchülerInnen hat, die in Förderschulen unterrichtet werden;[5] fast die Hälfte von ihnen im Förderschwerpunkt „Lernen“.[6] Der Anteil von Kindern aus sozial benachteiligten Familien sowie mit Migrationshintergrund ist dort überdurchschnittlich, der Anteil von Jungen auffallend hoch.[7]

39. Der Zugang zur Regelschule wird für behinderte SchülerInnen in Deutschland erheblich erschwert und muss oft eingeklagt werden. Fast alle Bundesländer haben einen Gesetzesvorbehalt: Ein behindertes Kind muss in die Regelschule nur aufgenommen werden, wenn die notwendigen personellen, organisatorischen und sächlichen Bedingungen bestehen. An diesen fehlt es. Angemessene Vorkehrungen, Nachteilsausgleiche und barrierefreie Lehr- und Lernmittel werden an Regelschulen nicht ausreichend bereitgestellt. Oft werden Hilfeleistungen restriktiv und unverbunden gewährt; Gebärdensprachdolmetschen, Schul- und Kommunikationsassistenz werden so unmöglich.

40. Die Regelschulen sind auf Inklusion kaum vorbereitet. Sie sind selten barrierefrei. Eine Pädagogik der Vielfalt, die allen SchülerInnen gerecht wird, wird dort kaum praktiziert. Stattdessen wurzelt das deutsche Schulsystem (einschließlich des Bewußtseins vieler PädagogInnen) tief im Denken homogener Lerngruppen, ist geprägt von Bildungsstandards, Lehrplanfixierung, zensurorientierten Bewertungs- und Zeugnisformaten und starker Schulabschlussorientierung. Das behindert inklusive Schulstrukturen.

41. Veränderungsprozesse sind zwingend. Die hierfür erforderlichen – insbesondere personellen – Ressourcen an Regelschulen sind unzureichend. Multiprofessionelle Teams, einschließlich sonderpädagogischer Lehrkräfte, sind an Regelschulen keinesfalls Standard. Konsequent verpflichtende Fortbildungsprogramme zur Inklusion fehlen. Zunehmend wird derzeit versucht, schulische Inklusion kostensparend umzusetzen, indem bestehende Integrationsstandards unterschritten, die Integration schwerstbehinderter SchülerInnen zurückgefahren und „Leuchtturmschulen“ erheblich beschnitten werden. Statt notwendiger Investitionen werden Finanzmittel nur „verschoben“; Modell-Schulprojekte werden aufgelegt statt flächendeckend und nachhaltig vorzugehen. Nicht zuletzt fehlen unabhängige Beratungsangebote für Eltern und ihre Kinder durch Verbände bzw. werden diese nicht systematisch finanziell gefördert. Stattdessen beraten oft Sonderschulen selbst.

42. Für die notwendigen, tiefgreifenden Veränderungsprozesse fehlen bisher ein strukturiertes Gesamtkonzept inklusive eines verbindlichen Zeitplanes von Bund und Ländern, weitere Forschung und die angemessene Partizipation der Zivilgesellschaft. Das Gesamtkonzept liefert der Aktionsplan der Bundesregierung[8] keinesfalls. Der Handlungswille der Bundesländer ist sehr unterschiedlich. Oft wirkt die Inklusionsdebatte nur als Lippenbekenntnis, die dringende Handlungspflicht wird relativiert[9]. Dies zeigt sich u.a. in der bis heute falschen deutschen amtlichen Übersetzung des englischen Begriffs „inclusion“ mit „Integration“ in Art. 24 BRK.

Empfehlungen:
· Das Menschenrecht auf inklusive Bildung ist anzuerkennen, Gesetzes- oder Ressourcenvorbehalte sind zu streichen.
· Eine qualitativ hochwertige Inklusion an barrierefrei umzugestaltenden Regelschulen ist umsetzen und sächliche, personelle, finanzielle und organisatorische Ressourcen sind zu gewährleisten; das Recht auf „angemessene Vorkehrungen“ ist sicherstellen.
· Ein koordiniertes, zielgerichtetes Gesamtvorgehen einschließlich eines verbindlichen Zeitplanes[10] für die Umsetzung aller Maßnahmen von Bund und Ländern ist zu gewährleisten.

 

Den vollständigen Bericht können Sie hier herunterladen

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